Ticstörung / Definition

Tic-Störungen gehören zu den neurologisch-psychiatrischen Erkrankungen.
Die Ursache für Tics sind vermutlich Stoffwechselstörungen im Gehirn.

Das überwiegende Symptom bei Tic-Störungen sind Tics, kommen aber auch bei anderen Erkrankungen vor.

Nicht selten werden die Tics durch die Reaktionen der Umwelt (Familie, Schule, Beruf, Öffentlichkeit) ein Problem. So kann ein Leidensdruck besonders durch Hänseleien entstehen, aber auch durch wiederholte Aufforderungen des Umfeldes, die Tics zu unterlassen.

Eine frühzeitige Diagnostik und Therapie durch einen mit Tic-Störungen vertrauten Kinder- und Jugendpsychiater bzw. einem Neurologen wird in der Regel als Entlastung und Hilfe empfunden.

Für die Betroffenen ist es wichtig, die Lebensqualität zu fördern und sozialen Rückzug sowie Isolation zu vermeiden.

Charakteristisch für alle Tic-Störungen sind so genannte Tics. Tics sind in der Kindheit häufig, meist ist das auffällige Verhalten jedoch nur vorübergehend (transiente Tic-Störung).

Als Tics bezeichnet man unwillkürliche, plötzlich einsetzende und wiederholt auftretende Zuckungen oder Lautäußerungen, die von den Patienten als unvermeidbar empfunden werden, jedoch zeitweise unterdrückt werden können.

Je nach Art und Dauer der Tics wird unterschieden in:

  • Transiente Tic-Störung
  • Chronische motorische oder vokale Tic-Störung
  • Kombinierte vokale und multiple motorische Tic-Störung, bekannt als Tourette-Syndrom

Das Tourette-Syndrom ist bei den Betroffenen sehr unterschiedlich ausgeprägt. So gibt es Betroffene, die zwar motorische als auch vokale Tics haben, jedoch nicht darunter leiden, weil diese Tics weniger stark ausgeprägt sind und nicht sozial auffällig sind.
Andere Betroffene haben sehr viele, stark ausgeprägte Tics, die ihre Lebensqualität sehr einschränken können.

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Krankheitsverlauf

Für therapeutische Entscheidungen ist die Unterscheidung zwischen transienter (verschwinden innerhalb eines Jahres vollständig) von chronischen Tic-Erkrankungen von Bedeutung.

Die überwiegende Mehrzahl kindlicher Tics ist transient (zeitlich begrenzt) und bedarf keiner medikamentösen Therapie. Das Wiederauftreten im Erwachsenenalter ist aber möglich. Patienten mit einem Tourette-Syndrom weisen in der Regel bereits in der Kindheit Tics auf.

In der Pubertät verstärken sich die Tics oft, können aber zwischen dem 16.-26. Lebensjahr wieder nachlassen, besonders bei leicht Betroffenen.

In Einzelfällen wurde auch schon von einer vollständigen Rückbildung der Symptome berichtet.

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Symptome / Klassifikation

Medizinisch wird unterschieden zwischen einfachen und komplexen Tics.
Einfache Tics sind schnell, einschießend und erfüllen keinen Zweck.

Komplexe Tics sind langsamer und scheinbar zweckgerichtet.

Zu den sensitiven Tics gehören z. Bsp. eine hohe Geräuschempfindlichkeit oder auch eine sehr empfindliche Haut.

Motorische Tics Vocale Tics
Augenblinzeln Husten
Augenbewegungen Schnüffeln
Nasenbewegungen Räuspern
Mundbewegungen Grunzen
Gesichtsgrimassen Pfeifen
Kopfschleudern Tierlaute
Schulterziehen Vogellaute
Armbewegungen
Handbewegungen
Abdominale Zuckungen
Beinbewegungen
Fuß – oder Zehenbewegungen
Komplexe motorische Tics Komplexe vokale Tics
Gesten oder Bewegungen der Augen Sprechblockaden
Gesten / Bewegungen mit dem Kopf Sprachfragmente
Gesten mit Arm oder Hand Koprolalie
Mundbewegungen Echolalie
Gesten mit der Schulter Palilalie
Beugen oder sich winden Blockierungen
Rotieren um die eigene Achse Atypische Sprachwendungen
Selbstverletzendes Verhalten Enthemmte Sprache
Kopropraxie
Echopraxie


Kopropraxie
beinhaltet das Zeigen unwillkürlicher, obszöner Gesten.

Echolalie bezeichnet das ein- oder mehrmalige zwanghafte Nachsprechen von Wörtern oder Sätzen.

Unter Echopraxie wird das Imitieren bzw. Nachahmen von Tics bezeichnet. Dieses Phänomen tritt manchmal auf, wenn Betroffene mit anderen Personen zusammen treffen.

Palilalie ist das häufige Wiederholen von selbstgesprochenen Worten.

Koprolalie ist das ungewollte Aussprechen aggressiver oder obszöner Worte. Obwohl nur ca. 15-20 Prozent der Betroffenen darunter leiden, wird das Tourette-Syndrom häufig nur mit der Koprolalie in Verbindung gebracht. Das Vorliegen der Koprolalie ist kein obligates (zwingendes) Diagnose-Kriterium für das Tourette Syndrom.

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Diagnostik

Die Diagnose einer Tic-Störung wird klinisch gestellt anhand der Anamnese (inklusive Art, Häufigkeit, Intensität und Verteilung der Bewegungen und Lautäußerungen, äußerer Einflussfaktoren, Vorgefühl und Unterdrückbarkeit) sowie einer neurologischen und psychiatrischen Untersuchung (mit der Frage nach Komorbiditäten wie ADHS, Zwang, Depression, Angst, Autoaggression). Nur selten (bei untypischem Bild oder dem Verdacht auf eine sekundäre TicStörung) ist eine weiterführende Diagnostik notwendig.

Selten treten Tics sekundär im Rahmen anderer Erkrankungen auf (etwa bei Morbus Wilson, Neuroakanthozytose, Fragilem X-Syndrom, Chorea Sydenham, Morbus Huntington) oder werden medikamentös induziert.

Therapie und Behandlungsmöglichkeiten

Eine Heilung ist nicht möglich. Nach heutigem Kenntnisstand können alle verfügbaren Therapien weder die Ursache noch die Prognose der Tic-Störung positiv beeinflussen. Außer Haloperidol sind alle derzeit eingesetzte Medikamente nicht für diese Indikation zugelassen und werden Off-label verordnet.

Eine Therapie der Tics sollte dann erfolgen, wenn die Tics stark ausgeprägt sind oder wenn die Tics zu einer deutlichen psychosozialen Beeinträchtigung führen.

Neuroleptika / Dopaminantagonisten

Dopaminantagonisten wirken hemmend auf das Dopaminssystem, sie unterscheiden sich aber teils erheblich in ihrer Wirkung auf die verschiedenen Dopaminrezeptoren im Gehirn. Diese Medikamente wirken bei Betroffenen sehr verschieden, sowohl hinsichtlich ihrer positiven Effekte als auch in den Nebenwirkungen.

Klassische Neuroleptika:

Haldol®, Orap®, Tiapridex®, Dogmatil®, Sulpirid

Atypische Neuroleptika:

Risperdal®, Zyprexa®, Seroquel®, Zeldox®, Abilify®, Solian®

Andrenoagonisten

Andrenoagonisten beeinflussen nicht das dopaminerge, sondern das adrenerge System des Gehirns. Diese Substanzen haben vermutlich eine positive Wirkung auf Tics, die jedoch deutlich schwächer als Dopaminblocker ist.

Catapresan® (Clonidin), Estulic® (Guanfacin)

Weitere Medikamente und experimentelle Therapien

Augrund der häufig unbefriedigenden Ergebnisse der genannten Medikamente werden gegenwärtig weitere Substanzen erforscht.

GABAerge Substanzen
Botulinumtoxin
Opiatantagonisten
Nikotin
Cannabis sativa
Antibiotika und Immuntherapie
Neurochirurgie

Nichtmedikamentöse Therapien

Nichtmedikamentöse Behandlungen spielen derzeit eine untergeordnete Rolle in der Therapie von Tics. Die tiefenpsychologisch-orientierte Psychotherapie ebenso wie die Psychoanalyse müssen als ungeeignet in der Therapie von Tics eingestuft werden, da die Ursache von Tics organisch und nicht psychogen ist.

Habit Reversal Training (HRT) und Exposure and Response Prevention (ERP)

Das Habit Reversal Training zu deutsch Gewohnheits-Umkehr-Training ist eine verhaltenstherapeutische Technik, bei der die Patienten versuchen, statt des Tics eine andere Bewegung zu vollführen bzw. Tics umzuleiten.
Innerhalb der ERP-Therapie wird geübt, das Vorgefühl vor den Tics für eine längere Zeit auszuhalten, um die Ausführung des Tics zu verhindern.
Leider sind diese Therapieformen hierzulande sehr wenig bekannt und werden von Therapeuten nicht angeboten. Gegenwärtig bestehen Bemühungen ein online-basiertes Verfahren zu entwickeln.

Psychoedukation

Patienten und ihren Angehörigen ist sehr geholfen, wenn sie über die Erkrankung, die erforderlichen Behandlungsmaßnahmen, den Verlauf, sowie Hilfsangeboten in den sozialen Belangen (Nachteilsausgleiche, Antrag zur Feststellung einer Schwerbehinderung, Führerschein, Schul- und Berufswahl) umfassend informiert sind. Das Verstehen- und Annehmenkönnen der eigenen Erkrankung ermöglicht einen selbstverantwortlichen Umgang mit der Erkrankung und der Krankheitsbewältigung. Hilfreich ist darüberhinaus der Austausch mit anderen Betroffenen bzw. auch deren Angehörigen.

Ernährung

Bisher liegen keine Studien vor, die hierzu eine Antwort geben. Allerdings berichten einige Betroffene von einer Linderung bei Verzicht auf Kaffee, Cola, aber auch Fleisch.

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Psychoedukation

Besondere Bedeutung kommt der Aufklärung und Beratung von Patienten zu. Da die Diagnose auch heute noch oft erst lange nach Symptombeginn gestellt wird, führt in der Regel bereits die Diagnosestellung zu einer deutlichen Entlastung. Informationen zur Ursache ebenso wie zum – meist gutartigen – Verlauf, inklusive einer Beratung zu sozialen Belangen (etwa Nachteilsausgleiche, Antrag zur Feststellung einer [Schwer-]Behinderung, Führerschein, Berufswahl) sind wichtige Aspekte der Behandlung.

Das Angebot der Tourette-Selbsthilfegruppen stellt für viele Patienten eine wichtige Unterstützung dar.

Auszug aus den Leitlinien der AWMF (Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften)